· 

Abschied

Am Mittwoch hat uns Mats spontan auf einen kleinen Roadtrip geschickt. Diesmal sollten wir Fisch von einem benachbarten See abholen. Dasselbe haben wir schonmal mit Wildspezialitäten gemacht. In Hornudden kennt man seine Zulieferer persönlich und bezieht fast alle Waren so lokal wie möglich. Wir setzen uns also in den Transporter, drehen die Musik auf und fahren zwischen Nadelwäldern und Seen hindurch nach Westen. Die Verabredung läuft ein bisschen ab wie im Film: Ihr biegt auf diesen Weg ein, folgt der Straße bis zum Ende, neben der Fähranlegestelle gibt es eine Holzrampe und dort wird um dreiviertel 3 ein Boot auf euch warten. Der Fischer ist so, wie man ihn sich vorstellt: In orangen Wathosen, sehr wortkarg und etwas angesäuert, weil wir 10 Minuten zu spät sind. Dafür bekommen wir aber 30kg frischsten Zander, sogar MSC-zertifiziert, also aus nachhaltiger Fischerei. An den klaren Augen der Fische und den pinkfarbenen Kiemen kann man die ausgezeichnete Qualität der Ware erkennen. In Eisbehälter verpackt kommen sie in den Transporter und wir fahren wieder los. Auf dem Rückweg halten wir noch an zwei "Loppis" an. Die ländlichen Trödelhandel sind typisch für Schweden. Viele Rentner verdienen sich etwas dazu, indem sie in ihrem Keller ein Sammelsurium aus nützlichen Sachen und Kuriositäten aus zweiter Hand anbieten. Hier gibt es viel zu bestaunen: Küchenutensilien aus Vorkriegszeiten, Werkzeuge, Kleidung und - eben Trödel. Wir hatten viel Spaß und haben auch ein paar Kleinigkeiten mitgenommen.
Am Donnerstag ging es dann los: Die ersten Abokisten für die Kunden der Solidarischen Landwirtschaft wurden gepackt. Von jetzt an gibt es über die gesamte Saison jede Woche eine Box mit Salat, Tomaten, Gurken, Kohlsorten, Kräutern und anderen Leckereien, jeweils im Wert von 300 Kronen (etwa 30€). Wir konnten uns gut vorstellen, wie toll und aufregend es ist, jede Woche die Box zu öffnen und Kreativität beim Kochen walten zu lassen. Besonders appetitlich sah der junge Knoblauch aus, den Arno und ich direkt morgens noch aus der Erde gezogen haben. Man kann sowohl die Blätter wie Frühlingszwiebeln verwenden, als auch die Knollen, die um diese Zeit des Jahres noch sehr mild sind und auch roh gegessen werden können. 
Kurz nachdem wir die Knollen gewaschen und gebündelt haben, erscheint Oskar, der Chefkoch, an unserem Arbeitstisch und schlägt uns vor, dass wir ihm beim Ausnehmen des Zanders, den wir am Vortag geholt haben, helfen können. Für Arno, der ab und zu mit seinem Papa angeln geht, ist das nichts Neues. Für mich hingegen etwas, vor dem ich mich jahrelang geekelt habe. Allerdings habe ich auf der Reise schon oft gedacht, dass Fisch super für Selbstversorger ist - relativ einfach zu töten und zu verarbeiten, und man muss die Tiere nicht jeden Tag füttern und regelmäßig ausmisten. Lernen wollte ich es also schon länger und nun ergibt sich spontan die Gelegenheit. Da sage ich natürlich nicht nein und freue mich darüber, mit Oskar einen Profi zu haben, der uns an die Hand nimmt. Zuerst werden alle gefährlich stacheligen Flossen einfach mit einer Schere abgeschnitten. Dann wird der Fisch mit einer Art Reibe (dem "Schupper") von seinen Schuppen befreit. Jetzt kommt der spannende Teil: das Ausnehmen. Wir sehen erst bei Oskar zu und er zeigt uns, welche Organe man sehen kann und wie man Rogen (Eier) bei Weibchen und Milch (Samen) bei Männchen erkennt. Dadurch, dass der Fisch so frisch ist, riecht man kaum etwas. Der Bauch des Fisches wird einfach mit einer Schere vorsichtig aufgeschnitten, vom winzigen After bis hoch zum Kiefer. Dann kann man die Luftblase im Bauchraum des Fisches zum Platzen bringen, um mehr Platz zum Arbeiten zu haben. Der Magen, die Leber, das Herz... alles kann man deutlich sehen, aber es ist winzig. Na gut, das letzte Tier, das wir von innen gesehen haben, war ja auch ein Schwein... Wenn man da versehentlich in die Harnröhre stach, war das ganze Fleisch unbrauchbar. Hier greift man einfach in den Bauchraum des Fisches, zieht die Organe heraus und spült am Ende kräftig nach. Es ist sehr einfach und schnell gemacht, etwas, das wirklich jeder und jede lernen kann. Natürlich kann man es eklig finden, aber letztendlich gehört es eben dazu, wenn man ein Tier isst und nach einigen Fischen fühlt es sich ganz normal an. Man angelt eben kein fertiges Filet.
Wir hatten dabei sehr viel Spaß und es war so toll, dieses einfache und doch wichtige Handwerk zu lernen. Man fühlt sich nach so einer Sache so selbstbewusst. Wir können so viel lernen und dadurch unabhängiger sein. Das macht uns immer viel Mut.

Den Rest der Woche haben wir nochmal sehr viel Kohl per Hand aufs Feld gepflanzt, die ersten Tomaten gegessen und Kräuter gesät. Jetzt heißt es für mich nach 4 Wochen Abschied nehmen. Die letzten Tage waren sehr komisch. Es fällt mir noch schwer, zu realisieren, das unsere fast einjährige Reise nun für mich vorbei ist. In ein paar Wochen werde ich erst richtig reflektieren können, was wir alles gelernt haben und wie wir uns weiterentwickelt haben. Ich bin sehr traurig, Arno hier zurückzulassen. All die Monate haben wir jeden Tag zusammen gelebt und gearbeitet. Wir haben kleine Krisen überstanden, sind unheimlich zusammengewachsen und über jeden Tag dankbar gewesen.
Aber natürlich freue ich mich riesig auf zuhause, auf meine Familie und einen geregelten Alltag. Endlich nicht mehr die anstrengenden stundenlangen Fahrten mit wenig Schlaf. Endlich auf die eigenen Projekte konzentrieren, zur Ruhe kommen, reflektieren und danach etwas Neues starten.
In ein paar Wochen werde ich noch einmal einen zusammenfassenden Beitrag über die Highlights unserer Reise schreiben. Jetzt genießen wir noch unseren letzten Abend zusammen am See in Schweden.

[Bilder vom Fische putzen folgen, sobald wir sie von Karins Handy bekommen.]